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Tabuthema STI

Ob in den Medien oder im Schulunterricht – in den Neunzigerjahren waren HIV‐Infektionen und somit auch sexuell übertragbare Krankheiten starke Themen in der Öffentlichkeit. Seitdem die Immunschwächeerkrankung AIDS ihren schlimmsten Schrecken verloren hat – sie verläuft heute aufgrund der Therapiemöglichkeiten nicht mehr tödlich – ist das Bewusstsein dafür in der Bevölkerung schrittweise zurückgegangen. Sollte es aber nicht, wie ein Überblick über die häufigsten Arten Geschlechtskrankheiten zeigt.

Als Geschlechtskrankheiten, auch STI (sexually transmitted infections) genannt, gelten Erkrankungen, die durch intime Kontakte übertragen werden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation stecken sich mehr als eine Million Menschen mit einer Geschlechtskrankheit an – und das an nur einem Tag. „Obwohl für Österreich keine aktuell publizierten Daten verfügbar sind, können durch die für Deutschland berichteten Zahlen des Berliner Robert‐Koch‐Instituts Rückschlüsse gezogen werden“, erklärt Beatrice Eder, Expertin für Haut‐ und Geschlechtskrankheiten am Klinikum Wels‐Grieskirchen. „Die Liste der Geschlechtskrankheiten wird hierzulande angeführt von Feigwarzen, welche auch als Genitalwarzen oder Kondylome bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um warzenartige Wucherungen im Genital‐ und Analbereich, selten auch im Mundraum. Verursacht werden sie von humanen Papillomaviren, sprich HPV.“ Unter den bakteriellen Geschlechtskrankheiten sind Chlamydien und Gonorrhoe am häufigsten.

 

Dr. Beatrice Eder

 

„STI steht kurz für ‚sexually transmitted infection‘. Die Fälle sind weltweit wieder im Steigen.“

Dr. Beatrice Eder
Abteilung für Haut‐ und Geschlechtskrankheiten

 

 

 

 

Von harmlos bis lebensbedrohlich

„STI können durch verschiedene Erreger verursacht werden und weisen dementsprechend auch eine unterschiedliche Symptomatik auf. Das Beschwerdebild beschränkt sich oft nicht nur auf die Geschlechtsorgane und betrifft auch die Haut“, so Eder. „Die Behandlungserfordernisse sind je nach Erregergruppen unterschiedlich. Bakterielle Infektionen wie Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien können gut mit Antibiotika behandelt werden.“ Die Syphilis gilt als das „Chamäleon der Medizin“, da sie ein extrem breites Spektrum an Symptomen aufweist. „Manche STI sind unangenehm, jedoch weitgehend harmlos und gut therapierbar. Andere wiederum können sogar lebensbedrohlich werden“, erklärt die Medizinerin. Eine frühe Diagnose ist oft entscheidend.

Wenig Bewusstsein in der Öffentlichkeit

Da AIDS im Vergleich zu den 90er Jahren nicht mehr im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion und Medienberichterstattung steht, wird dem Thema „sexuell übertragbare Krankheiten“ generell wenig Aufmerksamkeit geschenkt. „Nach wie vor sind STI ein Tabuthema“, beklagt die Expertin. „Durch die gute Behandelbarkeit von AIDS ist die Angst vor Geschlechtskrankheiten sicher in den Hintergrund getreten. Viele Menschen verbinden mit Geschlechtskrankheiten in erster Linie HIV und AIDS und sind nicht darüber informiert, welche anderen Risiken ungeschützter Geschlechtsverkehr haben kann.“

Reden wir darüber!
FAQ zum Thema Geschlechts­krankheiten

Wie kann ich mich anstecken?

Eine Ansteckung kann vor allem beim Geschlechtsverkehr (Vaginal‐, Anal‐ und Oralsex) erfolgen. Übertragungen durch Schmierinfektionen sind möglich, etwa bei Chlamydien oder Pilzen. Auch gibt es den Übertragungsweg von Mutter auf Fetus während der Schwangerschaft oder Geburt sowie über direkten Blutkontakt.

Wie erkenne ich, dass ich eine Geschlechtskrankheit habe?

Das ist nicht immer einfach: Bei Ausfluss aus der Harnröhre oder vaginalem Ausfluss ist der Weg zum Arzt wichtig. Auch Hautveränderungen an den Geschlechtsorganen können Hinweise sein.

Kann ich selbst einen Test durchführen?

Da es zahlreiche verschiedene Erreger gibt, ist es auf jeden Fall ratsam, bei Verdacht auf eine STI den Arzt aufzusuchen. Einen pauschalen Test für zuhause gibt es nicht.

Muss ich bei jeder STI zum Arzt? Oder verschwindet sie nach einer gewissen Zeit wieder?

Bei Verdacht auf eine STI sollte man auf jeden Fall zum Arzt. Hier wird ein Screening auf die häufigsten STI durchgeführt. Oft liegen mehrere Infektionen gleichzeitig vor. Eine Chlamydieninfektion kann ohne nennenswerte Symptome ablaufen und dennoch Unfruchtbarkeit verursachen.

Wer ist der erste Ansprechpartner?

Der erste Ansprechpartner kann der Hausarzt sein, bei Frauen auch der Gynäkologe. Der am besten geeignete Ansprechpartner ist als Experte aber auf jeden Fall der Facharzt für Haut‐ und Geschlechtskrankheiten.

Wie kann ich mich am besten davor schützen?

Ungeschützter Geschlechtsverkehr und häufige Partnerwechsel sind nach wie vor große Risikofaktoren für eine Infektion. Kondome schützen zum Teil vor manchen Infektionen, können aber in manchen Fällen – zum Beispiel vor der Übertragung von Kondylomen – nicht helfen. Gegen HPV gibt es seit einigen Jahren eine Schutzimpfung.

Kann ich erkranken, wenn ich immer den gleichen Partner habe?

Wenn der Partner ungeschützten Verkehr außerhalb der Beziehung hat und diesen verschweigt, ist auf diesen Weg eine Infektion möglich. Daher ist es enorm wichtig, bereits bei ersten Symptomen offen und ehrlich zu sein.

Ist jede Geschlechtskrankheit auf den Partner übertragbar?

Per definitionem ja, wenn es sich um eine STI, also eine „sexually transmitted infection“ handelt.

 

Stand: Juni 2022