Kinderorthopädie
Koordinator Kinderorthopädie
Oberarzt
Dr.
Thomas
Fingernagel

Kompetenzambulanz für Kinder- und Neuroorthopädie

Gesamtes Spektrum

Die Kinderorthopädie ist eines der umfangreichsten Teilgebiete der Medizin des Bewegungsapparates. Sie behandelt sämtliche orthopädischen Teilgebiete über alle Altersklassen. Durch Kooperation mit renommierten internationalen Referenzzentren, wie dem Behandlungszentrum Aschau oder dem orthopädischen Spital Speising, kann im Klinikum Wels-Grieskirchen das gesamte Spektrum der kinderorthopädischen Versorgung angeboten werden.

Schwerpunkt Hüfte

Die kinderorthopädische Betreuung im Klinikum Wels-Grieskirchen beginnt unmittelbar nach der Geburt mit der Hüftsonographie. Das Vorliegen einer Hüftdysplasie, eines nicht ausgereiften Hüftgelenkes, kann so rasch einer notwendigen Behandlung zugeführt werden. Diese richtet sich nach dem Schweregrad, wobei das gesamte Spektrum der in Frage kommenden Behandlungsmöglichkeiten bei uns durchgeführt werden kann. Dies umfasst die leitliniengerechte Abspreizbehandlung, das Anfertigen von Gipsen und im Bedarfsfall auch operative Korrekturen des Hüftgelenks, so lange bis im Rahmen der Nachbehandlung eine gesunde Hüfte entwickelt werden kann. Auch Hüftgelenke von älteren Kindern bis zu erwachsenen Patienten, die beginnende Schäden bei früherem Vorliegen einer Hüftreifungsstörung zeigen, können erfolgreich mit Umstellungsoperationen des Beckens (z.B. Triple-Osteotomie nach Tönnis) korrigiert werden, um die frühzeitige Versorgung mit einer Hüftprothese zu verzögern oder zu verhindern.

Schwerpunkt Klumpfuß

Im Rahmen der ersten kinderorthopädischen Untersuchung nach der Geburt wird der gesamte Bewegungsapparat untersucht. Die zweithäufigste orthopädische Fehlbildung von Neugeborenen (ein bis drei Fälle pro tausend Geburten), welche einer raschen Behandlung bedarf, ist der Klumpfuß. Hierbei handelt es sich um eine komplexe Fußfehlstellung, die eine kombinierte Pathologie an Rückfuß, Mittelfuß und Achillessehne beinhaltet. Die Behandlung richtet sich nach dem internationalen Standard der Ponseti-Methode, welche mit ausgezeichneten Langzeitergebnissen belegt ist. Unmittelbar nach der Diagnose werden dabei im wöchentlichen Intervall Gipsverbände angelegt, um die komplexen Fußfehlstellungen gezielt zu korrigieren. Die durchschnittliche Behandlungsdauer liegt – abhängig vom Schweregrad – zwischen fünf und sieben Wochen. Nach Korrektur der Fehlstellung im Rück- und Mittelfußbereich muss in den meisten Fällen noch der Spitzfuß im Rahmen einer kleinen Operation behandelt werden. Dies wird mit einer Tenotomie, der Durchtrennung der Achillessehne, in kurzer Allgemeinnarkose oder auch Lokalanästhesie erreicht. Abschließend erfolgt eine dreiwöchige Gipsbehandlung, wobei wir nach zehn Tagen einen Gipswechsel durchführen und bereits hier den Kontakt mit dem Bandagisten zum Anpassen einer Schiene herstellen. Bis zum vierten Lebensjahr wird das Kind schließlich mit einer Spezialschiene (Denis-Brown-Schiene, ALFA-Flex-Schiene) versorgt, wobei beide Füße gefasst werden. In den ersten drei Monaten wird die Schiene für 23 Stunden am Tag getragen, anschließend kann auf den Einsatz während der Nacht (zwölf bis 14 Stunden am Tag) umgestellt werden. Somit kann das Kind in den meisten Fällen im üblichen Alter laufen lernen. Da viele Klumpfüße im Lauf der weiteren Entwicklung zu Rezidiven neigen, werden regelmäßige Kontrollen durchgeführt, um hier möglichst rasch entgegenwirken zu können. Dabei steht ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten – von erneuter Gipsbehandlung bis zur komplexen operativen Korrektur – zur Verfügung.

Morbus Perthes

Der Morbus Perthes bezeichnet eine Erkrankung der Hüfte im ersten Lebensjahrzehnt. Dabei kommt es zu einer Durchblutungsstörung des Hüftkopfes, die zu Deformierungen führen kann. Während sich die Erkrankung primär als Bewegungsverlust äußert, kann es dadurch bei jungen Erwachsenen bereits zur Arthrose kommen und der Einbau einer Hüftprothese notwendig werden. Um dies zu verhindern, ist die rechtzeitige Diagnose und Behandlung unerlässlich. Die operative Versorgung hat die Zentrierung des Hüftkopfes mit der Optimierung seiner Überdachung zum Ziel und wird durch eine Umstellung des Oberschenkelknochens und gegebenenfalls des Beckens gewährleistet.

Arthrorise bei Plattfuß

Bei vielen Kindern und Jugendlichen kann man im Verlauf der Entwicklung einen ausgeprägten Knick-Senk-Fuß bis zum flexiblen Plattfuß beobachten. Treten dadurch Beschwerden auf, steht an erster Stelle die konservative Behandlung, wobei mit physiotherapeutischer Anleitung versucht wird, den kindlichen Fuß durch gezielten Aufbau der Fußmuskulatur in eine korrigierte Stellung zu bringen. Führt dies nicht zum gewünschten Erfolg, kann zur Wachstumslenkung die sogenannte Schraubenarthrorise durchgeführt werden. Bei diesem minimalinvasiven, kurzen Eingriff wird eine Schraube in das Fersenbein eingebracht, die ähnlich einem Türstoppermechanismus das Einknicken des Fußes verhindert. In der Regel kann der Patient nach der Operation und einem eintägigen Krankenhausaufenthalt bereits nach wenigen Tagen den Fuß wieder normal belasten und nach drei Monaten auch wieder alle Sportarten durchführen. Alle an unserer Abteilung operierten Patienten beobachten wir im Rahmen einer groß angelegten wissenschaftlichen Arbeit. Dabei zeigen sich auch nach Abschluss der Behandlung mit Entfernung der Schraube nach Wachstumsende ausgezeichnete und bleibende Korrekturen.

MPFL-Rekonstruktion bei Patellaluxation

Die Abkürzung MPFL steht für das „Mediale patellofemorale Ligament“, eine zentrale anatomische Struktur zur Stabilisierung der Kniescheiben. Die Rekonstruktion dieses Bandes ist der zentrale Punkt bei Patellaluxationen und Patellasubluxationen. Da bei diesen Krankheitsbildern auch häufig Rotationsfehlstellungen im Oberschenkel vorliegen können, ist das Ziel bei der Behandlung eine vollständige Wiederherstellung der normalen anatomischen Verhältnisse. Als Kombinationseingriffe kommen daher verschiedene Osteotomien zum Einsatz.

Achselfehlstellungen und Deformitäten

Liegen an den Extremitäten Achsfehlstellungen, Rotationsfehlstellungen oder Längendifferenzen vor, besteht im Kindes- und Jugendalter die Möglichkeit zur Korrektur oft unter Ausnutzung des Wachstumspotenzials. Diese Fehlstellungen können nach Verletzungen oder Entzündungen auftreten. Angeborene Deformitäten stellen eine besondere Herausforderung dar. Darunter fallen zum Beispiel der proximale fokale Femurdefekt oder die Osteogenesis imperfecta.

Das Behandlungsspektrum reicht vom konservativen Ausgleich mit Einlagen oder Schuhzurichtungen bis zur operativen Korrektur mit gezielter, minimalinvasiver Bremsung und Lenkung von Wachstumsfugen. In ausgeprägten Fällen steht uns das gesamte Repertoire Extremitäten verlängernder Eingriffe zur Verfügung (Fixateur, intramedulläre Verlängerung), wobei auch Korrekturen in mehreren Ebenen gleichzeitig möglich sind.

Interdisziplinarität bei Tumoren

Auch bei Kindern und Jugendlichen kann es zum Auftreten von Tumoren des Bewegungsapparates kommen, wobei diese in der Regel gutartig sind. Bei der Behandlung gutartiger Knochentumoren wurden minimalinvasive Behandlungsmethoden etabliert und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Radiologie intensiviert. So lässt sich beispielsweise das Osteoidosteom ohne Operation mit computertomographisch gezielter Hitzebehandlung (Thermoablation) behandeln. Bei kartilaginären Exostosen, einer weiteren im Kindesalter häufigen Tumorart, steht die operative Abtragung bei mechanischer Irritation im Vordergrund. Hier kann eine zusätzliche Stabilisierung des betroffenen Knochens mit Platten oder Schienen notwendig sein. Häufig sind auch verschiedene Knochenzysten zu beobachten, wobei die Behandlung nach genauer Abklärung der Zystenart von der reinen Beobachtung bis zur operativen Zystenentfernung und gleichzeitiger Auffüllung mit Knochenersatzmaterial reicht.

Neuroorthopädie

  • Botox
  • Operative WT-Korrektur
  • In der Spezialambulanz für Neuroorthopädie werden Kinder gemeinsam begutachtet und das Behandlungskonzept festgelegt. Im Speziellen werden Kinder mit angeborenen Fehlbildungen bzw. cerebralen Funktionsstörungen begutachtet. Dies umfasst unter anderem:
  • die MMC (Meningomyelozele)
  • die ICP (infantile Cerebralparese)
  • die AMC (Arthrogryposis multiplex congenita)

Ebenso werden im Rahmen dieser Ambulanz Kinder mit Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis erkannt und behandelt.

Da neurologische Erkrankungen individuell die unterschiedlichsten Auswirkungen auf den Bewegungsapparat haben können, muss für eine gezielte Behandlung das gesamte Spektrum der konservativen und operativen Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen. Bei vielen Patienten kann mit einer angepassten Schienen- und Orthesenversorgung in enger Kooperation mit erfahrenen Orthopädietechnikern eine deutliche Verbesserung der Alltagssituation erreicht werden. Bei stärkerer Ausprägung der Funktionsdefizite stehen diverse chirurgische Techniken zur Verfügung. Hier hat sich in den letzten Jahren evidenzbasiert gezeigt, dass bei reinen Weichteileingriffen – also an Muskeln, Sehnen und Bändern – oft die erhoffte Wirkung nur kurz besteht und langfristig mit einer erneuten Verschlechterung zu rechnen ist. Dies kann im Einzelfall bedeuten, dass ein Patient seine Gehfähigkeit verliert und rollstuhlpflichtig wird. Das Mittel der Wahl in solchen Fällen sind nach aktueller Literatur Eingriffe an den Knochen, welche als Grundprinzip die Verbesserung der Biomechanik unter Zuhilfenahme der vorhandenen Muskelfunktion zum Ziel haben.

Skoliose

Die Skoliose – eine Krümmung der Wirbelsäule in mehreren Ebenen – kann bereits im Kleinkindesalter auftreten. Wesentlich häufiger beobachtet man diese Fehlstellung jedoch mit Beginn der Pubertät. Oftmals liefert die schulärztliche Untersuchung erste Hinweise auf eine Skoliose. Ein rascher Beginn der Therapie, mit der zentralen Säule der Physiotherapie nach Katharina Schroth, ist besonders wichtig, da sich im Laufe des pubertären Wachstumsschubs eine deutliche Verschlechterung zeigen kann. Auch eine Miederversorgung kann bei entsprechender Indikation notwendig sein. Wir begleiten unsere Patienten während der gesamten Behandlung, welche oft mehrere Jahre dauert. Am häufigsten tritt die sogenannte idiopathische Skoliose auf, bei welcher der Entstehungsmechanismus ungeklärt ist. Von einer "echten" Skoliose abzugrenzen sind Fehlhaltungen, welche beispielsweise durch eine Beinlängendifferenz entstehen können. Eine kinderorthopädische Abklärung ist deshalb immer empfehlenswert. In der Skolioseambulanz werden die jungen Patienten in Gemeinschaft mit Kollegen der physikalischen Medizin und Orthopädie-Technikern begutachtet und das gesamte konservative Therapiespektrum besprochen und angeboten.