Psychologische Begleitung auf der Neonatologie und im Alltag des Kinderzimmers

Bild
Frühgeborenes Kind auf Brust seiner Mutter

Pressematerial

Psychologische Begleitung auf der Neonatologie und im Alltag des Kinderzimm

Die Versorgung von Frühgeborenen und kranken Reifgeborenen auf einer Neonatologie zählt zu den herausfordernden Bereichen der modernen Medizin. In einem Schwerpunktkrankenhaus stehen dafür hochspezialisierte Teams, technische Infrastruktur und pflegerische Expertise rund um die Uhr zur Verfügung. Gleichzeitig rückt zunehmend ein weiterer Aspekt in den Fokus: die Situation der Eltern und die Entwicklung der Familie als Ganzes.

In einem Ordensspital ist dieser ganzheitliche Zugang zentraler Baustein der Patientenversorgung. Zusätzlich zu Medizin und Pflege wird bewusst auch Raum für psychologische und soziale Fragestellungen geschaffen. Denn wenn ein Kind zu früh oder krank zur Welt kommt, betrifft dies immer das gesamte Familiensystem.

Unterbrochene Erwartungen: plötzlich Eltern

Üblicherweise ist die Geburt eines Kindes eingebettet in einen längeren inneren Anpassungsprozess. Während der Schwangerschaft wachsen werdende Eltern in ihre Rolle hinein und bauen eine erste Beziehung zum Kind auf. „Viele Eltern von Frühchen haben aber nicht die Möglichkeit, sich Schritt für Schritt auf ihr Kind einzustellen. So verlagert sich das, was normalerweise in der Schwangerschaft passiert, in den Zeitraum auf der Neonatologie“, erklärt Hannah Sertic, Klinische Psychologin am Klinikum Wels-Grieskirchen. Die Folge ist eine Situation, die von Unsicherheit und widersprüchlichen Gefühlen geprägt sein kann. Sorgen um das Kind, das Erleben des Krankenhausalltags und das Gefühl, Verantwortung teilweise abgeben zu müssen, treffen auf den Beginn der eigenen Elternschaft. „Wir erleben eine große Bandbreite an Emotionen – von Liebe und großer Zuwendung bis zu Angst, Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Kontrollverlust und Erschöpfung, aber dem Gefühl, als Mutter oder Vater nicht zu genügen. Aus psychologischer Sicht ist das eine normale Reaktion auf eine nicht alltägliche Situation“, so Sertic.

Bindung unter besonderen Bedingungen

Trotz schwieriger Umstände beginnt früh ein zentraler Prozess: der Aufbau von Bindung. „Diese ist für die Entwicklung des Kindes von grundlegender Bedeutung, da sie Sicherheit vermittelt und zur Regulation von Stress beiträgt“, betont die Expertin. „Auch auf der Neonatologie können Eltern eine
tragfähige Beziehung zu ihrem Kind entwickeln. Entscheidend ist, dass sie darin unterstützt werden, ihre eigenen Ressourcen wahrzunehmen und Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.“
Das Angebot der klinischen Psychologie schafft in einem Schwerpunktkrankenhaus einen geschützten Rahmen dafür. 

Bild
Sertic Hannah Portrait

„Die Gespräche sind freiwillig, vertraulich und orientieren sich an den aktuellen Bedürfnissen der Eltern. Sie bieten die Möglichkeit, Belastendes auszusprechen, einzuordnen und die eigene Rolle schrittweise zu festigen“

Hannah Sertic, MSc, Klinische Psychologin, Klinikum Wels-Grieskirchen

 

Endlich zuhause: neue Fragen, neue Unsicherheiten

Mit der Entlassung aus dem Krankenhaus endet die intensive medizinische Betreuung und für viele Familien beginnt damit ein neuer, nicht minder herausfordernder Abschnitt. „Die Freude auf zuhause ist groß, gleichzeitig entsteht oft Unsicherheit. Die direkte Unterstützung durch Profis fällt weg, und viele Eltern fragen sich: Schaffen wir das alleine?“, beschreibt Martina Tischler, Kinder-, Jugend- und Familienpsychologin am Klinikum Wels-Grieskirchen die Übergangsphase. Die Erfahrungen rund um Geburt und Krankenhausaufenthalt wirken nach, während gleichzeitig ein neuer Alltag organisiert werden muss. Auch die Rollen innerhalb der Partnerschaft verändern sich, Erwartungen werden hinterfragt und äußere Einflüsse nehmen zu. 

Bild

„Wir sehen häufig, dass Eltern unter Druck geraten, weil sie glauben, bestimmten Bildern entsprechen zu müssen. Gedanken wie ‚Ich müsste doch einfach glücklich sein‘ können auftauchen“

Mag. Martina Tischler, Klinische Kinder-, Jugend- und Familienpsychologin, Klinikum Wels-Grieskirchen

 

Orientierung im Alltag – was Kinder wirklich brauchen

Im Spannungsfeld zwischen Ratgebern, gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Ansprüchen stellt sich für viele Eltern die Frage, worauf es im Alltag tatsächlich ankommt. Aus psychologischer Sicht sind die grundlegenden Bedürfnisse klar: Kinder brauchen verlässliche Beziehungen, emotionale Zuwendung und Orientierung. „Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Bezugspersonen, die auf ihre Signale reagieren, ihnen Sicherheit geben und auch Grenzen setzen können“, erklärt die Psychologin. Ebenso wesentlich ist die Situation der Eltern selbst. „Eltern müssen nicht alles alleine schaffen. Sich Unterstützung zu holen, ist eine wichtige Ressource – gerade in belastenden Phasen.“

Ganzheitliche Begleitung von Anfang an

Die klinische Psychologie ist ein integraler Bestandteil der Betreuung auf der Neonatologie und darüber hinaus. Sie ergänzt die medizinische und pflegerische Versorgung um eine Perspektive, die die gesamte Familie einbezieht. „Es geht nicht darum, alles richtig zu machen“, fasst Tischler zusammen. Auch gibt es einen großen Spielraum, begleitende Konzepte wie Baby-led Weaning, Babyzeichensprache oder bedürfnisorientierte – nicht wunschorientierte – Erziehung auszuprobieren. „Wenn dies für alle Beteiligten passt, sich in den Alltag integrieren lässt und auch Spaß macht. Im
Großen und Ganzen geht es aber darum, einen eigenen, stimmigen Weg im Umgang mit dem Kind zu finden und nicht ohne zu interfragen zum Beispiel über Social Media vorgezeigte Trends und Rollenbildern nachzujagen. Das kann auch unter jungen Familien zu Stress ausarten.“
Hochmoderne Medizin und professionelle Pflege bilden die Grundlage in der Versorgung der Kleinsten – eine umfassende Begleitung, die auch psychologische und soziale Aspekte berücksichtigt, macht Versorgung im besten Sinn vollständig.

News Detail Listing
phone
Gesundheits­beratung

1450