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Warum in Zukunft weniger Menschen eine Blutwäsche benötigen
Vor 40 Jahren wurde am Klinikum-Standort Wels die Dialysestation eröffnet. Damals stand vor allem eine Frage im Mittelpunkt: Wie kann Menschen geholfen werden, deren Nieren ihre lebenswichtige Funktion nicht mehr erfüllen? Heute werden an der Dialyse Wels jährlich rund 20.000 Behandlungen durchgeführt, etwa 150 Patientinnen und Patienten werden betreut. Gleichzeitig zeichnet sich ein bemerkenswerter Wandel ab: Die Zukunft der Nephrologie liegt nicht allein in der Dialyse, sondern zunehmend darin, Nierenversagen zu verhindern. Die Zahl jener Menschen, die künftig auf eine Blutwäsche angewiesen sind, könnte langfristig sinken.
„Die Nephrologie ist heute weit mehr als Dialyse“, sagt Martin Windpessl, Leiter der Nephrologie am Klinikum Wels-Grieskirchen.
Vier Jahrzehnte im Dienst der Nierengesundheit
Die Bedeutung der Nieren wird oft unterschätzt. Die beiden Organe filtern täglich große Mengen Blut, regulieren den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, beeinflussen den Blutdruck und übernehmen wichtige Aufgaben bei der Blutbildung sowie im Knochenstoffwechsel. Erkrankungen entwickeln sich häufig schleichend und bleiben lange unbemerkt. Besonders Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder Gefäßerkrankungen tragen ein erhöhtes Risiko für eine chronische Nierenschwäche.
Warum die Zukunft vor der Dialyse beginnt
Während die Dialyse früher oft den unausweichlichen Endpunkt einer fortschreitenden Nierenerkrankung darstellte, setzen moderne Behandlungsstrategien heute deutlich früher an. Ziel ist es, die sogenannte Progressionskurve abzuflachen und die Eigenfunktion der Nieren möglichst lange zu erhalten. „Unser Fachgebiet macht derzeit bei vielen Nierenerkrankungen enorme Fortschritte“, erklärt Windpessl. „Die Prognose der Patientinnen und Patienten wird sich in den kommenden Jahren kontinuierlich verbessern. Deshalb erwarten wir langfristig, dass verhältnismäßig weniger Menschen eine Dialyse benötigen werden – auch wenn die absolute Zahl aufgrund der älter werdenden Bevölkerung hoch bleiben wird.“
Von der Blutwäsche zur Prävention
Dass die Dialyse weiterhin eine unverzichtbare Säule der Versorgung bleibt, zeigt ein Blick auf die Entwicklung in Wels. Nach dem Ausbau der Station in den Jahren 2017 und 2018 können heute rund 150 Patientinnen und Patienten betreut werden. Zusätzlich wurde die Ambulanz 2022 und 2023 umfassend modernisiert und um tagesklinische Therapieangebote erweitert. Dazu zählen beispielsweise Infusionsbehandlungen, die ambulant durchgeführt werden können.
Zwischen Hightech-Medizin und empathischer Begleitung
An der Dialysestation werden Erwachsene im Alter zwischen 18 und 98 Jahren behandelt. Kaum ein anderer Bereich der Medizin ist von so langfristigen Beziehungen geprägt. Für viele Betroffene ist die Dialyse ein fester Bestandteil ihres Alltags. Multiprofessionelle Teams begleiten sie nicht nur während der Behandlung, sondern häufig auch durch unterschiedliche Lebensphasen, gesundheitliche Herausforderungen und manchmal bis zu einer erfolgreichen Nierentransplantation. „Dreimal pro Woche verbringen Dialysepatientinnen und -patienten mehrere Stunden auf unserer Station, oft über viele Jahre hinweg. Dadurch entstehen enge Beziehungen und großes gegenseitiges Vertrauen“, sagt Paul Baumgartner, Stationsleiter der Dialyse am Klinikum Wels-Grieskirchen.
Ein Schwerpunkt liegt auch auf der Bauchfelldialyse, auch Peritonealdialyse genannt. Rund 20 Patientinnen und Patienten werden derzeit in einer eigenen Spezialambulanz betreut. Das Angebot erfolgt in enger Zusammenarbeit mit Partnerzentren im Innviertel, die dieses Verfahren selbst nicht anbieten, und ermöglicht vielen Betroffenen eine größere Unabhängigkeit im Alltag.
Darüber hinaus betreut das Klinikum-Team rund 150 Patientinnen und Patienten nach einer Nierentransplantation. Die Eingriffe erfolgen meist am Transplantationszentrum des Ordensklinikum Linz Elisabethinen, die langfristige Nachsorge wird anschließend wieder in Wels übernommen.
Die beste Dialyse ist jene, die nicht notwendig wird
Auch wenn Forscher weltweit an tragbaren künstlichen Nieren und biotechnologisch erzeugtem Nierengewebe arbeiten, sieht Windpessl die größte Chance derzeit an anderer Stelle: „Die beste Dialyse ist jene, die gar nicht notwendig wird. Deshalb investieren wir heute viel Energie in Prävention, Früherkennung und moderne Therapien.“ Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Nierentransplantation. Neben der klassischen Organspende gewinnt die Lebendspende zunehmend an Bedeutung. Für viele Betroffene bedeutet sie die Chance auf ein Leben ohne Dialyse und mit deutlich höherer Lebensqualität. Für sorgfältig ausgewählte Spenderinnen und Spender ist eine Lebendspende in der Regel mit wenigen langfristigen Einschränkungen verbunden.
Ein Fach mit Geschichte – und Zukunft
Vierzig Jahre nach der ersten Dialyse in Wels steht das Fachgebiet damit an einem spannenden Wendepunkt: Die Dialyse bleibt lebensrettend und unverzichtbar. Gleichzeitig eröffnen neue Therapien die Perspektive, dass künftig mehr Menschen ihre Nierenfunktion länger erhalten können. Das Jubiläum der Dialyse Wels ist daher nicht nur ein Rückblick auf vier Jahrzehnte Medizingeschichte, sondern auch ein Blick in eine Zukunft, in der Nierenerkrankungen immer früher erkannt und erfolgreicher behandelt werden können.
Stand Juni 2026
Bilder: © Klinikum Wels-Grieskirchen/Nik Fleischmann